2017/10/17

Published with Chrysanthenum 22, October 2017


längste Nacht
ich gebe die Wörter
der Stille zurück

longest night
I return the words
to the silence

__

Kaugummiautomat
der Geschmack
meines ersten Kusses

gummiball machine
the taste
of my first kiss

__

Heidelbeeren
noch lange das Blau
einer Wanderung

huckleberries
for a long time the blue
of a hike


***


Haibun

"Die Kunst ist der nächste Nachbar der Wildnis"*

steht in silbernen Buchstaben der orange gestrichenen Mauer. Ein paar Schritte weiter wachsen Birken und Robinien aus stillgelegten Gleisen. Das Metall ist von saftigem Moos überzogen. In der Lokhalle des ehemaligen Berliner Rangierbahnhofs, der in den 40er Jahren täglich über 130 Güterzüge verschoben hat, hängen auf einer Leine rote und weiße Tücher. Vielleicht sind es Requisiten der Shakespeare Company Berlin, die hier am Abend zuvor noch Romeo und Julia gegeben hat.

Nachtigallenlied
ich falte Papierblumen
aus dem Regelheft



"Art is the closest neighbor to wilderness"**

is imprinted in silver letters on the orange-painted wall. A few steps further, birches an locusts grow from abandoned tracks. The metal is covered with juicy moss. In the engine shed of the former Berlin marshaling yard, which daily moved over 130 freight trains during the 40s, are hanging red and white clothes on a line. Perhaps they are the props of the Berlin Shakespeare Company, who gave Romeo and Juliet the night before.

Nightingale song
i fold paper flowers
from the rule book

____
* Zitat von Karl Ganser
** Reference to Karl Ganser, a German geographer and city planer, especially awarded for ecological space planning including the preservation of historic industrial sites.



2017/09/25



eingeflochten

-ein Rengay-

Gabriele Hartmann: 1,3,5
Simone K. Busch: 2,4,6



Johannisfeuer
wenn du diese Zeilen
liest

auf den Strandkieseln
liegt tropfnasser Kelp

beim dritten Klang
umarmen
die Bäume

Mutters Parfüm
eingeflochten
in den Brautkranz

eine Ahnung von Herbst
hinterm Horizont

Hotel Atlantik
der Rezeptionist ordnet
Träume


Sommergras 118, September 2017

2017/09/21

In Harmonie

Früh morgens, beim Auschecken aus dem Ryokan, frage ich in meinem Überlebensjapanisch, wie ich am schnellsten zum Bahnhof komme. Die Rezeption des Hotels ist eine kleine Luke, eingerahmt von Holz in der Farbe dunkler Sojasauce. Neben einer eingestaubten Telefonanlage steht der Rezeptionist. Er lächelt und zieht eine faltige Kladde hervor. Flüsternd gleitet er Zeile für Zeile mit dem Finger über die Abfahrzeiten des städtischen Busses. Dann entschuldigt er sich mehrfach und bietet mir an, ein Taxi zu bestellen.

Vor dem Hotel wartend beobachte ich, wie Busse von japanischen Reiseveranstaltern ankommen. Sie entlassen ihre Fracht am Eingang des Adachi Museums of Art und fahren wieder ab. Das Museum liegt in der Präfektur Shimane am japanischen Meer. Dies ist weit von den Touristenzentren Tokyo, oder Kyoto entfernt und ich sehe außer mir keinen weiteren westlichen Touristen.

Am Bahnhof angekommen, kann ich gerade noch die roten Rücklichter meines Zuges erahnen. Der nächste fährt in einer Stunde. Mit dem Ticket in der Hand lasse ich mich auf eine Bank im Warteraum nieder. Stille. Ich sinke tiefer in meine Gedanken. Plötzlich spricht mich jemand auf Japanisch mit meinem Namen an. Neben mir steht der Rezeptionist. Er verbeugt sich tief, entschuldigt sich mehrfach, lächelt und hält mir eine kleine, bunt bedruckte Papiertüte entgegen.

Ingwerkekse
ein fremder Vogel pfeift
übers leere Gleis



Sommergras 118, September 2017




Lebendiger Bildrahmen, Adachi Museum of Art